Literarisches

Helleborus niger

Das immergrüne Hahnenfußgewächs inspirierte die Lyrik und Sagenliteratur durch ihre Fähigkeit, im tiefen Winter zu blühen und einen zarten Duft zu verströmen. Diese Lebendigkeit in der vermeintlichen Vegetationspause wurde oftmals mit dem Weihnachtsfest vielschichtig in Zusammenhang gebracht und religiös überhöht. Die Christrose wurde so zum Symbol für die Menschwerdung Christi, dem Licht in der Dunkelheit. In weltlicher Deutung gilt die Schneerose meist als zeitiger Vorbote des neuen Jahres. Als zeitgenössische Lyriker sind z. B. Thomas Kondel, Eva-Maria Leiber und Christa Spilling-Nöker zu nennen, die vor allem weiß- und rotblühende Helleborusarten in ihren Gedichten zum Gegenstand haben.

Die bekanntesten Gedichte stammen von Eduard Mörike, Johannes Trojan und Hermann Lingg, die hier als lyrische Vertreter herausgegriffen werden. Für seine botanischen Studien beschäftigte sich Goethe intensiv mit den Helleborusarten foetidus, niger und viridis. Bei den Nieswurzarten sah er sich in seiner Theorie bestätigt, dass sich die Blütenorgane in ihrer Entwicklung aus Blättern ableiten lassen. Da die Christrose nur ein Forschungsobjekt neben vielen anderen Pflanzen war, fand sie keinen namentlichen Eingang in die allgemein gehaltene lyrische Mutationstheorie des Gedichts Die Metamorphose der Pflanze.1

Blumen mit Beschreibung

Zwerg Nase kann sich in dem gleichnamigen Märchen von Wilhelm Hauff aus dem Jahre 1826 von seinem verhexten Äußeren nur durch das Zauberkraut „Niesmitlust“ befreien.

Ludwig Ganghofer wählt in seinem Heimatroman Der Klosterjäger aus dem Jahre 1892 die Christrose als zentrales Motiv.

Im germanischen Sagenkreis wohnt in der Pflanze die Seele eines Kindes, das von seiner bösen Tante in der Winternacht verstoßen wurde. Die Göttin Freya erbarmte sich des Kindes und verwandelte es in die Christrose.2 Paolo Mantegazza verlagert in seinem Blumenmärchen die Entstehung der Christrose in die Zeit des Neolithikums.

In der anonym überlieferten Sagenliteratur Europas wird die Christrose meist als Geburtstagsgeschenk für das Christuskind oder als Blume mit Wunder- und Heilwirkung, die zur Heiligen Nacht gesucht und gefunden werden muss, in den Mittelpunkt gerückt. Zwei Erzählungen, deren Autoren uns namentlich bekannt, sollen hier als typische Beispiele erwähnt werden: „Die Legende von der Christrose“ von Selma Lagerlöf und „Die Christrose – ein Weihnachtsmärchen“ von Sepp Bauer.



1 Vgl. Julius Roßmann: Über das gleiche oder verschiedene Verhalten von Blattstiel und Spreite im Gange der Phyllomorphose. In: Beiträge zur Kenntnis der Phyllomorphose 1 (1857). S. 2 und Peter Goedings: Erscheinungsformen der pflanzlichen Geschlechtlichkeit, insbesondere bei Viscum album L., Helleborus niger L. und Helleborus foetidus L. In: Elemente der Naturwissenschaft 57, (1992). S. 98-111.

2 Vgl. Dido Nitz: Kräuterzauber. Ein ABC der Heil- und Zauberpflanzen. München 2010. S. 15.



Universitätsbibliothek Regensburg, 2011