Paolo Mantegazza

Christrose

Der italienische Anthropologe, Naturwissenschaftler und Arzt Paolo Mantegazza (1831-1910) ist vor allem durch die Erforschung psychotroper Pflanzen und seine Sexualstudien bekannt. Seine Romane, in denen sich sein ganzheitlicher Erklärungsversuch des Menschseins und der Evolution spiegelt, waren zwar zu seiner Zeit Besteller, sind jedoch in unserer Zeit nahezu in Vergessenheit geraten.

In seinem Blumenmärchen bietet er eine ungewöhnliche Sage zur Entstehung der Christrose:

"Im neolithischen Zeitalter lebte ein starker, tapferer Mann, Tristan mit Namen; sein Weib hieß Eva, sein Freund, dem er das größte Vertrauen schenkte, Tor. Von beiden wurde er verraten. Im ersten Zorn wollte er die Schuldigen töten, dann aber überlegte er, ein plötzlicher Tod sei keine Strafe – mögen sie leben, ihr Gewissen werde sie genug strafen. Die Nachbarn freilich nannten[n] Tristan einen wahnsinnigen Narren, aber er kümmerte sich nicht darum, sonder[n] ging ruhig seines Weges. Sein Herz freilich war von dem schrecklichen Augenblicke an, wo er den doppelten Betrug merkte, tot und kalt wie Eis. Nicht[s] machte dem Aermsten mehr Freude; kein Kampf, keine Jagd, die er früher so sehr liebte, konnten irgend einen Reiz auf ihn ausüben. Am wohlsten befand er sich mitten in den Bergen, dort konnte er stundenlang sitzen und dem Spiele zwischen Wind und Schnee zusehen. Eines Tages, als er wieder ins Gebirge gegangen war, kehrte er nicht mehr heim. Die Nachbarn suchten ihn, fanden ihn aber nicht. Erst als im Frühjahr Schnee und Eis schmolzen, entdeckte man den Körper des Unglücklichen; er war umwachsen von einer bis dahin unbekannten Pflanze – der Schneerose."1

1 Vgl. Paolo Mantegazza: Blumenmärchen. Jena 1890. Zitiert nach: Richard Pieper: Volksbotanik. Unsere Pflanzen im Volksgebrauche, in Geschichte und Sage, nebst einer Erklärung ihrer Namen. Gumbinnen 1897. S. 22.



Universitätsbibliothek Regensburg, 2011