Eduard Mörike

Eduard Mörike

Eduard Mörike (1804-1875) setzte in seinem Gedicht Auf eine Christblume 1841 dem frühblühenden Hahnenfußgewächs wohl das bekannteste literarische Denkmal:

Auf eine Christblume

I

Tochter des Walds, du Lilienverwandte,
So lang von mir gesuchte, unbekannte,
Im fremden Kirchhof, öd und winterlich,
Zum erstenmal, o schöne, find ich dich!

Von welcher Hand gepflegt du hier erblühtest,
Ich weiß es nicht, noch wessen Grab du hütest;
Ist es ein Jüngling, so geschah ihm Heil,
Ists eine Jungfrau, lieblich fiel ihr Teil.

Im nächtgen Hain, von Schneelicht überbreitet,
Wo fromm das Reh an dir vorüberweidet,
Bei der Kapelle, am kristallnen Teich,
Dort sucht ich deiner Heimat Zauberreich.

Schön bist du, Kind des Mondes, nicht der Sonne;
Dir wäre tödlich andrer Blumen Wonne,
Dich nährt, den keuschen Leib voll Reif und Duft,
Himmlischer Kälte balsamsüsse Luft.

In deines Busens goldner Fülle gründet
Ein Wohlgeruch, der sich nur kaum verkündet;
So duftete, berührt von Engelshand,
Der benedeiten Mutter Brautgewand.
Dich würden, mahnend an das heilge Leiden,
Fünf Purpurtropfen schön und einzig kleiden:
Doch kindlich zierst du, um die Weihnachtszeit,
Lichtgrün mit einem Hauch dein weißes Kleid.

Der Elfe, der in mitternächtger Stunde
Zum Tanze geht im lichterhellen Grunde,
Vor deiner mystischen Glorie steht er scheu
Neugierig still von fern und huscht vorbei.

II

Im Winterboden schläft, ein Blumenkeim,
Der Schmetterling, der einst um Busch und Hügel
In Frühlingsnächten wiegt den samtnen Flügel;
Nie soll er kosten deinen Honigseim.

Wer aber weiß, ob nicht sein zarter Geist,
Wenn jede Zier des Sommers hingesunken,
Dereinst, von deinem leisen Dufte trunken,
Mir unsichtbar, dich blühende umkreist?

Die Entstehung des Dinggedichts lässt sich durch den Briefwechsel Mörikes mit seinem ältesten Freund und theologischen Kollegen Wilhelm Hartlaub aus Wermutshausen nachvollziehen. Bei einem nächtlichen Spaziergang durch den Neuenstädter Friedhof entdeckte Mörike in Begleitung seiner jüngsten Schwester Klara am 29. Oktober 1841 eine blühende Schneerose auf einem Grab. Diese „reizend fremde“ Pflanze faszinierte den Dichter durch ihre Lebendigkeit inmitten der Gräber und des düsteren Winters. In dem Brief an Hartlaub, den er noch in der gleichen Nacht verfasste, beschrieb er die Christrose als „sehnsuchterregend“ und „mystisch[…]“, die selbst durch ihre frühe Blüte vegetative und kalendarische Grenzen zu überschreiten und so einen Lichtblick auf das nächste Jahr zu gewähren vermag. Die lyrische Überhöhung der Winterblüte ist freilich vor dem biographischen Erlebnis zu verstehen, dass Mörike im April des gleichen Jahres seine geliebte Mutter verloren hat. Der Versuch, des Lebendigen habhaft zu werden, indem der Dichter die gepflückte Blüte zu Hause in einer Vase aufstellt, empfindet er in dem Brief als „unrecht“, zumal ein Windstoß die Blume durch das Fenster auf die Straße weht und nicht mehr auffindbar ist.

In dem späteren Gedicht, das durch dieses biographische Erlebnis inspiriert wurde, wird jedoch neben der Vergänglichkeitsthematik der Akzent auf die todesüberschreitende und transzendentale Symbolkraft der Schneerose und des Schmetterlings gelegt. Aus der Korrespondenz mit Hartlaub lässt sich die Unsicherheit Mörikes über die Endfassung nachvollziehen. Die zweite Strophe entstand einen Monat später als die erste im Dezember 1841. Im Januar 1842, wurden beide Teile im Morgenblatt für gebildete Leser abgedruckt, der erste unter dem Titel Die Christblume, der zweite unter Auf eine Christblume, was der spätere gemeinsame Titel werden sollte.

Das gesamte Gedicht Auf eine Christblume wurde 1888 von Hugo Wolf (1860-1903) neben anderen Mörikegedichten (Nr. 20 und 21) vertont.


Cleversulzbach, den 29. Oktober 1841, 3 Uhr

Nach eben vollbrachter großer Tour

Mein Liebster!

Gestern ging ich mit Klärchen nach Neuenstadt, um den Notar zu sprechen. […] Nachher, weil so gelinde Sonne war, benutzten wir die Zeit, den dortigen Kirchhof zu besuchen, wo eben Wäsche zum trocknen aufgehangen, jedoch anfangs niemand zugegegen war. […] Auf einem anderen, mir gleichfalls bekannten Grabe aber fand ich mit großer Überraschung etwas Lebendiges, frisch Blühendes, wonach ich viele Jahre vergeblich getrachtet hatte. Eine mir völlig neue Blume mit fünf ganz aufgeschlagenen, ziemlich breiten Blättern, an Weiße und Derbheit wie die Lilie; an den Enden herum lichtgrün angehaucht und fast ebenso, nur etwas satter grün, im Kelche unten. In dessen Mitte bildeten die blaßgelben Befruchtungsteile einen ziemlich dicken Kegel, oben mit 4-5 kurzen Purpurfäden büschenartig geziert. Der runde, schmutzig-grüne, rotgesprenkelte Stengel nicht gar kurz, jedoch gekrümmt, so daß die Blume niedrig saß. Die Blätter gleichfalls schmutzig-grün. Die Pflanze hat einige Ähnlichkeit mit der Wasserrose. Ihr Duft ist äußerst fein, kaum bemerklich, aber angenehm. So reizend fremd sah sie mich an, sehnsuchterregend! Klärchen hatte sich kaum hinabgebückt, sie genau zu betrachten, so sagte sie auch schon: Die Christblume ist es. Ich war entzückt und glaubte es ihr auf der Stelle, wiewohl es eigentlich geraten war. Ohne sie näher anzusehen – als wenn ich sie fürchtete, sie nicht zu eigen zu bekommen, - verriet ich mein unruhiges Verlangen dem Klärchen dennoch unwillkürlich, welche den holden Raub auch ungesäumt glücklich für mich vollbrachte, es ging sogar noch eine geschlossene Knospe mit. Zu Haus, um mich vollkommen zu überzeugen, las ich in meinem alten, lieben und schmackhaften Gartenbüchlein von Pastor Müllern S. 116: „Elleborus, Nießwurz, ist weiß und grün, wird unter die Blumen gesetzt, wegen ihres sehr frühen Flors (schön, daß es frühen heißt, nicht späten, so duftet sie schon wie von dem anderen Jahr herüber, was einer so mystischen Blume zuzutrauen ist), welche sich zeiget, gleich im November, Dezember und Jenner, dahero sie auch Christblume genennet wird, wie man dann viel darauf hält, so sie schön um Weihnachten florieren, soll ein gutes Jahr bedeuten, wird von der Wurzelteilung propagiert, mag im Lande gelassen oder aus Fürwitz wegen der frühen Flor in Keller gesetzt werden, sonsten kann sie die größte Kälte erdulden (dies ist der besonders schöne Zug an ihr!). Hat gern sandigen Grund und liebet sehr den Schatten und wintrichte Stelle, kommt deswegen an warm- und sonnichten Orten gar nicht fort, sondern verdirbt gemeiniglich. Die weiße ist die schönste und die rarste, so eine ansehnliche Blume präsentiert, und wenn sie abgebrochen ins Wasser gestellt wird, in der Stube gleich verdirbt, in der Kälte aber etliche Tage sich halten läßt.“ Auf Müllers letztere Anmerkung stellte ich sie im Glase, worein sie schon gebracht, alsobald vors Fenster, und zwar in den schönsten Mondenschein, in dem es ihr besonders wohl und leicht zu atmen schien. Sie freute mich unbeschreiblich, und schon dachte ich daran, meine Empfindungen bei guter Zeit in einigen Strophen auszudrücken – kann wohl auch noch geschehen -, doch unrecht Gut soll nicht gedeihen. Heute vormittag, nachdem ich sie den Morgen noch begrüßt, warf sie der Wind unvermerkterweise aus dem Glas auf die Straße und war nicht mehr zu finden. (Wenn sie jetzt wieder auf dem Grabe stünde! In der Tat gedenke ich ihrer jetzt nur wie eines lieblichen Geistes.)

Jetzt lebt wohl! […]

Ganz Dein Eduard

Literatur:

Aus: Freundeslieb‘ und Treu‘. 250 Briefe Eduard Mörikes an Wilhelm Hartlaub. Hrsg. v. Gotthilf Renz, Leipzig 1938, S. 153-155.


Bild: Portrait Eduard Mörike: Landesarchiv Baden Württemberg



Universitätsbibliothek Regensburg, 2011