Geschichte der offizinellen Verwendung:
Antike und Mittelalter

Unter der mit dem griechischen Namen bezeichneten Pflanze λλβορος (Helleboros) werden in der Antike und frühen Neuzeit nach unserer heutigen Definition verschiedene, z. T. nicht miteinander verwandte Pflanzen beschrieben. Neben der Christrose (Helleborus niger) und weiteren Helleborusarten wie Helleborus orientalis, viridis (grüne Nieswurz) oder foetidus (Stinkende Nieswurz) werden andere Gewächse aus der Familie der Ranunculaceen wie Adonis und die Liliacee Veratrum album (Weißer Germer, auch Helleborus candidus oder albus genannt) angeführt. Gelegentlich kommt es sogar zu Verwechslungen mit der Orchideenart Helleborine.1

Veratrum album

Die Etymologie des griechischen Wortes Helleboros ist nicht geklärt. Meist werden die Giftigkeit (λεν = umbringen) der Pflanze oder das Flüsschen Helleboros in dem antiken Habitat nahe der Stadt Antikyra (Phokis) als Namensgeber bemüht.2 Die pharmazeutische Anwendung der schwarzen Christrose wurde aus antiken Pflanzenbüchern, allen voran dem Herbar des Dioscurides, im Wesentlichen in die Neuzeit übernommen: Die abführende Wirkung sollte Nierenschmerzen, Harnstau, Wassereinlagerungen, Bauchschmerzen und Lähmungserscheinungen lindern sowie Erbrechen herbeiführen. Ferner sollte die Wurzel, in die Ohren gesteckt, Schwerhörigkeit heilen. Die desinfizierende Wirkung sei nach antiken Autoren bei Hautkrankheiten, Zahnschmerzen und Hausputz angezeigt. Vor der Giftigkeit des Helleborus müsse man sich vor allem beim Ausgraben hüten. Der Sammler sollte vorher zu seinem Schutz Wein und Knoblauch zu sich nehmen und zu Apoll und Asklepios beten. Außerdem müsse der Flug des Adlers beobachtet werden, da sich dieser als Todesbote dazugeselle, wenn er das Sammeln der Rhizome beobachte. Die Wurzel müsse rasch ausgegraben werden, weil der beißende Geruch Kopfschmerzen verursache.3

Da der Helleborus, wie der deutsche Begriff „Nieswurz“ verrät, zum Niesen anregt, maß man ihm eine den Geist anregende wie reinigende Wirkung zu. Durch heftiges Reiben der Wurzel in der Nase sollte so durch Niesen überschüssiger und schädlicher Schleim den Körper verlassen. Nach antiker Säftelehre wurden nervöse Störungen und psychische Leiden durch ein Übermaß an schwarzem, bitterem Schleim verursacht, das man durch Niesen am besten reduzieren könne. Die Christrose wurde daher ferner als Medizin gegen Kopfschmerzen, Epilepsie und Wahnsinn eingesetzt. In der Antike wurde diese letzere Verwendungsart sprichwörtlich: Die Empfehlung, Helleborus einzunehmen oder nach Antikyra zu reisen, war, wie Textstellen bei Plautus und Lucian4 belegen, nicht besonders freundlich gemeint. Horaz rät in seinen Satiren, gegen die größte Verrücktheit im römischen Reich, dem weit verbreiteten Geiz, die gesamte Dosis an Nieswurz zu verabreichen, die sich um Antikyra finden lässt.5 Der literarische Topos der „Kur des Melampus“6, die aus einem Purgationsmittel von Milch und einem Nieswurzelextrakt bestand, wurde gegen Rinderwahn, der auch Menschen befallen kann (vgl. Proitidenmythos7), seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. mehrfach beschrieben.8 Ebenso soll Herakles vom Wahnsinn mittels Helleborus geheilt worden sein.9

Elleborum album

Die reinigende Wirkung der Nieswurz findet sich schon bei den Hippokratischen Heilmethoden, wobei namentlich sowohl die weiße wie auch schwarze Nieswurz Verwendung findet. Die Beherrschung des giftigen Helleborus war nur ausgewiesenen Reinigungspriestern vorbehalten. Die Nieswurz vermochte nach geheimen Riten die innere „Befleckung“ an sich zu ziehen und nach außen zu befördern. Zauberpapyri gingen von einer ähnlich magischen Wirkungsweise aus: Neben Krankheiten sollten auch böse Geister und Dämonen ausgeniest werden. Schwermütige sollten die Wurzel zusätzlich um den Hals tragen. Eine im positiven Sinne reinigende Wirkung des Geistes kann aber nach Plinius ebenfalls durch die Verabreichung von Nieswurz zur Schärfung der Sinne und des Verstandes erreicht werden.10

Die hochtoxische Wirkung des Helleborus wurde nach Pausanias in dem Krieg gegen die Stadt Kirrha von Solon genutzt, als jener mit den Wurzeln das Flüsschen Pleisthenes vergiftete und so die Stadtbewohner, die auf diese einzige Wasserversorgung angewiesen waren, wenig ruhmreich durch anhaltenden Durchfall zur Kapitulation zwang.11 Kleistenes von Sikyon soll sich bei der Belagerung von Krissa der gleichen Kriegslist bedient haben.12 Im 17. und 18. Jahrhundert wurden Giftgeschosse mit Ranunculusarten wie z. B. Helleborus oder Krötenschleim gefüllt und über die feindliche Festung katapultiert. Diese Art der biochemischen Kriegsführung wurde wegen ihrer Erfolglosigkeit eingestellt, da sich der giftige Qualm allzu schnell verflüchtigte.13

Im Mittelalter soll Karl der Große erfolglos die Christrose als Arzneipflanze zur Fiebersenkung auf Meierhöfen kultiviert haben.14 Das Lorscher Arzneibuch (Ende des 8. Jahrhunderts) weist mehrere Nieswurz-Rezepturen mit purgierender Wirkung aus.15 Wie andere Arzneipflanzen wurde auch die Christrose in einen mystischen und kosmologischen Zusammenhang eingebunden und überhöht, ohne allerdings eine besondere Bedeutung einzunehmen.


1 Vgl. Adelbert von Chamisso und Ruth Schneebeli-Graf: Illustriertes Heil- Gift- und Nutzpflanzenbuch. Berlin: Reimer: 1987. S. 23 f. Im Folgenden sonstige Quellen: RAC, Kleiner Pauly.

2 Dioscurides nennt daneben den Parnass und Oeta als natürliches Verbreitungsgebiet. Am besten sei jedoch der schwarze Helleborus am Helikon. f. 115 r.

3 Das Rhizom wurde in der Antike in Brot zu kultischen und medizinischen Zwecken eingebacken. Vgl. Max Höfler: Volksmedizinische Botanik der Germanen. (= Quellen und Forschungen zur deutschen Volkskunde. Band 5.) Wien 1908. S. 83 und vgl. Dioscurides, ebd.

4 Z. B. Plaut. Men. 950, Plaut. Pseud. 1185; Luc. Dial. Mort. 17,2.

5 Hor. sat. 2,3,82 ff.

6 Dioscurides nennt den Helleborus auch als Melampodion, da der Hirte Melampos die purgierende Wirkung der Pflanze an seinen Ziegen beobachtete, nachdem sie diese gefressen hatten. F. 115r.

7 Ebd.

8 Z. B. Ov. Met. XV, 322 ff. Vgl. auch Kurt Sprengel: Versuch einer pragmatischen Geschichte der Arzneykunde, Band 1. 3. Aufl. Halle 1821. S.149 ff.; Fortunat Hoessly: Katharsis: Reinigung als Heilverfahren. Studien zu Ritual der archaischen und klassischen Zeit sowie zum Corpus Hippocraticum. Göttingen 2001. S. 155 ff.

9 Paus. 10,36,5 und Hoessley.

10 Plin. hist. nat. 25,21 ff.

11 Ebd.

12 Front. Strat. III,7.

13 Louis Levin: Die Gifte in der Weltgeschichte. 2. Aufl. Hildesheim 1983. S. 573 f. Außerhalb der griechisch-römischen Welt ist der Einsatz von Helleborus für Gallien als Herz- und Pfeilgift belegt. Das Fleisch der erlegten Tiere sei dadurch zarter. Vgl. auch Richard Pieper: Volksbotanik. Unsere Pflanzen im Volksgebrauche, in Geschichte und Sage, nebst einer Erklärung ihrer Namen. Gumbinnen 1897. 21 f. und Plin. hist. nat. XXV, 25.

14 Max Höfler: Volksmedizinische Botanik der Germanen. Wien 1908. S. 85.

15 Gundolf Keil; Ulrich Stoll: Das Lorscher Arzneibuch. Stuttgart 1989. Schwarze Nieswurz Buch II Rep. 215, Buch III Rep. 49, Buch IV Rep. 54/32; grüne Nieswurz Buch I Rep. 46, Buch IV Rep. 75; Nieswurz (nicht näher bezeichnet) Buch I Rep. 42.



Universitätsbibliothek Regensburg, 2011