Ludwig Ganghofer

Die Christrose begegnet dem Leser in Ludwig Ganghofers (1855-1920) Heimatroman Der Klosterjäger aus dem Jahre 1892 als zentrales Motiv. Die zeitliche Handlung spielt im 14. Jahrhundert unter der Regentschaft Ludwigs des Bayern im Berchtesgadener Land. Das damalige Leben der Bevölkerung wird neben der Schilderung der gesellschaftlichen Verhältnisse in seinem Bezug zur Volksheilkunde und dem damit oftmals eingehenden Aberglauben dargestellt. Darüber hinaus gewinnt die Christrose zusätzlich religiöse Symbolkraft als „Sinnbild des ewigen Lebens“:

Helleborus niger Helleborus ranunculoides flore globoso

„Dann atmete er [der Jäger und Titelheld Haymo] tief, und sein Blick fiel auf die weißschimmernden Blüten am Kreuz. Schneerose! Du echte Blume der Berge! Nicht minder schön und lieblich als die rotglühende Almenrose des Sommers, und noch geheimnisvoller als der Samtstern des Edelweiß. Schneerose! Wenn der Winter seinen weißen Mantel über alle Berge wirft, wenn alles Blühen erstirbt und alles Wachstum entschlummert, dann regt sich die keimende Kraft in den tief gesenkten Wurzeln dieser einzigen Pflanze, als wäre sie bestellt zur Hüterin des Lebens, damit es nicht ganz erlösche in der toten Zeit zwischen Herbst und Frühling. In frostiger Öde sprossen ihre Blätter, und zwischen Schnee und Eis entfalten sich ihre weißen Blüten. Und wandert zur Winterszeit der Tod durch die verschneiten Hochlandstäler und berührt er ein unschuldig Kind mit seiner kalten Hand, dann klimmt die weinende Mutter empor zu den schimmernden Schneehalden und windet ihrem entschlafenen Liebling die weißen Rosen zum Kranz, als Sinnbild des ewigen Lebens. Schneerose! Das ist Leben und Tod zugleich! Denn die Wurzeln dieser Pflanze bergen einen geheimnisvollen Saft, der kranke Herzen gesunden läßt und bleiche Wangen wieder färbt. Für jeden aber, der diese Arznei zu gierig genießt, wird sie zum tödlich wirkenden Gifte. „Zwei Tröpflein machen rot, Zehn Tropfen tot!“ So sagt der Volksmund – […].“

Ludwig Ganghofer widmete seinen Roman in einem vorangestellten Gedicht seiner verstorbenen Tochter. Er vergleicht sie mit einer „Blume gleich im Frühlingshage“, die an die oben zitierte Stelle der Christrose als Symbol des Vergehens und Lebens zugleich erinnert.

Dem Angedenken meines heimgegangenen Kindes

Sie stieg hernieder auf die Erde,
Wie von der Sonne fällt ein Strahl.
Und schwand hinweg von dieser Erde,
Wie er verglüht im dunklen Tal.

Der Blume gleich im Frühlingshage,
An Leib und Seele sonder Fehl,
War sie die Freude meiner Tage,
Mein Sorgentrost und mein Juwel.

Kein Wölklein, das sich nicht zerteilte
Vor ihrem sonnigen Gesicht,
Und wo sie ging und wo sie weilte,
Da war die Wärme, war das Licht.

Sie lächelte: man mußte lieben.
Ein Blick: und sie gewann ein Herz …
Und ach, was ist von ihr geblieben?
Ein kleines Grab, ein großer Schmerz.
L.G.



Universitätsbibliothek Regensburg, 2011