Hermann Lingg

Portrait Hermann Lingg

Hermann Lingg (1820-1905) wendete sich erst in seinem zweiten Lebensabschnitt der Schriftstellerei zu. Nach seinem Studium der Medizin nahm er eine Stelle als Unterarzt in Bayerischen Militärdienst an. Der psychischen Belastung eines Militärarztes war er im Ernsteinsatz nicht gewachsen: er verfiel in Depressionen. Nach der Einweisung in eine Nervenanstalt wurde er aus dem Militärdienst entlassen und von König Max II. persönlich unterstützt, so dass er ausschließlich sich seinen schöngeistigen Studien widmen konnte. Nachdem sich seine Verfassung stabilisiert hatte, machte er durch seine Lyrik auf sich aufmerksam. Er wurde Mitglied in dem Münchner Dichterkreis Die Krokodile.

Die weiße Weihnachtsrose

Wenn über Wege tief beschneit,
Der Schlitten lustig rennt,
Im Spätjahr in der Dämmerzeit
Die Wochen im Advent,
Wenn aus dem Schnee das junge Reh
Sich Kräuter sucht und Moose:
Blüht unverdorrt im Frost noch fort
Die weiße Weihnachtsrose.

Kein Blümchen sonst auf weiter Flur;
In ihrem Dornenkleid
Nur sie, die niedre Distel nur
Trotzt allem Winterleid;
Das macht, sie will erwarten still,
Bis sich die Sonne wendet,
Damit sie weiß, daß Schnee und Eis
Auch diesmal wieder endet.

Doch ist’s geschehn, nimmt fühlbar kaum
Der Nächte Dunkel ab,
Dann sinkt mit einem Hoffnungstraum
Auch sie zurück in‘s Grab.
Nun schläft sie gern; sie hat von fern
Des Frühlings Gruß vernommen,
Und o wie bald wird glanzumwallt
Er sie zu wecken kommen!

Christrosen

Literatur:

Aus: Hermann Lingg: Gedichte von Hermann Lingg. 3. Aufl. Stuttgart 1857. S. 53 f.



Universitätsbibliothek Regensburg, 2011