Geschichte der offizinellen Verwendung:
Neuzeit

In den Kräuterbüchern des 16. Jahrhunderts wurde zwar zum einen die Toxizität der Pflanze als auch die Vielseitigkeit der pharmazeutischen Verwendungsmöglichkeiten betont. So wurden Hautreizungen, die durch das Berühren der frischen Wurzel mit der bloßen Hand hervorgerufen werden, als Beweis für den hohen Wirksamkeitsgrad der Inhaltsstoffe angeführt. Als Vergiftungserscheinungen werden im Allgemeinen je nach zugeführter Dosis Schwindel, Schluckbeschwerden, erhöhter Speichelfluss, Erbrechen, Durchfall, Koliken, Kreislaufzusammenbruch und Lähmungen, die schließlich zum Tode führen, genannt. Dennoch war die zerstoßene Wurzel als Allround-Purgiermittel in Westeuropa beliebt: Überschüssige Feuchtigkeit oder Schleim sollten unter Berufung auf die antike Säftelehre abgeführt werden, was einen Einsatz bei Epilepsie, Hysterie, Melancholie, Gicht, Wassersucht, Menstruationsbeschwerden und Fieberkrämpfen nahelegte. Ferner eigne sich die reinigende Wirkung der schwarzen Christrose bei Verstopfungen, Ablagerungen und Steinbildung in Adern und Organen sowie Entwurmung. Eine äußerlich aufgebrachte Tinktur heile Hautkrankheiten wie Flechten, desinfiziere Wunden und töte Ungeziefer, vor allem Läuse. Meist findet sich auch ein Hinweis, dass der offizinelle Einsatz des Rhizoms bei Schwangeren zum Schutz des Ungeborenen unbedingt unterbleiben müsse, sofern man nicht eine Abtreibung einleiten wolle.1

Hieronymus Bock: Kreütterbuch. Hieronymus Bock: Kreütterbuch

Ähnlich der antiken Literatur setzt sich die Unsicherheit über Aussehen und Nomenklatur der jeweiligen Helleborusart fort: „Die Pflanzenkunde entfaltete sich abgesehen von wenigen Ausnahmen als kompilierende, exzerpierende und kommentierende Buchwissenschaft mit schwacher empirischer Referenz der Pflanzennamen.“2 Ausgehend vom 15. Jahrhundert wurde eine Diskussion über die Glaubwürdigkeit und Verifizierbarkeit der antiken Pflanzenbeschreibungen angestoßen, die im 16. Jahrhundert noch lebhaft fortgeführt wurde. Hieronymus Bock (1498-1554) erklärte in seinem Kreütterbuch aus dem Jahre 1580, dass seiner Meinung nach „Plinius und viel vor ihm und nach ihm der Kräuter nit viel gekant noch gesehen haben / sondern allein vom Hörensagen / und aus Büchern / ir schreiben genommen. Daraus nit allein Irrtum sondern großer Abbruch und Verdunkelung vieler Stücke entstanden.“3

Dem Aufschwung des pharmakognostischen Interesses der frühen Neuzeit ist es zu verdanken, dass nicht nur die tradierten Wirkungsweisen und Verwendungsmethoden, sondern auch das Aussehen der vermeintlichen Heilpflanzen grundlegend überprüft wurden. Die naturgetreuen Aquarelle des Hans Weiditz (1500-1536) beeindrucken aus jener Zeit somit nicht nur als kunsthistorisches Novum in der Pflanzendarstellung, sondern liefern die naturwissenschaftliche Voraussetzung für eine ernstzunehmende empirische Pharmazie. Der bis dahin ungewohnte Realismus präsentiert die Heilpflanzen in ihrem natürlichen Habitus und ihrer Vollständigkeit: Individuelle Blatt- und Blütenformen, deren typische Stellung und Anordnung sowie charakteristische Wurzel- und Knollenformationen. Sogar welke Blätter oder Schädlingsfraß vermitteln den Eindruck, dass eine aus der Natur entnommene Pflanze ohne Schönung übernommen wird. Die Malereien von Weiditz wurden in Holz geschnitten und von Otto Brunfels (1488-1534) in seinem Herbarium verwendet

.

Die Nieswurzarten forderten die „Väter“ der westlichen Pharmakognosie in der frühen Neuzeit heraus, da die überlieferten Darstellungen und die vielfachen Namensbezeichnungen weder eindeutig noch nachvollziehbar waren. Bock zählt für die schwarze Nieswurz allein zwanzig Namen auf, die er in alten Büchern fand. Brunfels legt bei seiner Abhandlung über die „Christwurtz“, wie er den Helleborus niger volkssprachlich nennt, besonderen Wert darauf, dass er die Pflanze selbst kennt und sich von der namensgebenden Blütezeit überzeugt hat: „Würt genennt Christwurtz / darumb das sein blům / die gantz gryen ist / vff die Christnacht sich vffthůt / und bluet. welches ich auch selb wargenommen vnd gesehen / mag für ein gespötte haben wer do will.“ 4

Elleborus albus Elleborus niger

Bock und Leonhard Fuchs (1501-1566) halten nach dem Studium der überlieferten Beschreibungen die „Christwurz“ für den Helleborus viridis, die grüne Nieswurz, nicht für die schwarze. Allerdings begründen sie ihre Entscheidung gegensätzlich: Während Fuchs die bei Dioscurides beschriebene Wirkungsweise als zutreffend beurteilt, aber die Beschreibung als unähnlich ablehnt, findet Bock, dass bei dem antiken Autor die Darstellung der Pflanze entspreche, aber die Toxizität nicht nachvollzogen werden könne: „Inn summa mich will duncken / die Christwurtz sei kein Elleborus / ursach / die beschreibung Ellebori nigri reimet sich nicht gar dahien / zům andern so mag Christwurtzel ohn allen schaden inn Leib genützt werden / ohn alles auffstossen und kotzen / welches für allen dingen dem schwartzen Nießwurtz fähelt / innhalt aller alter unnd newer Scribenten.“ 5 Beide Autoren differenzieren, dass in den sich widersprechenden Traditionen mit der „Christwurz“ nicht nur der Helleborus virdis Lin. gemeint sei, sondern auch Unterarten wie ein stinkendes „Leüßkraut“ (Helleborus foetidus Lin.), Veratrum album Lin. (weiße Germer oder weiße Nieswurz) oder bei Bock sogar das Frühlings-Adonisröschen (Adonis vernalis Lin.) einbezogen werden müssen. Die Vielfalt und Varianz der Pflanzen und die damit verbundene Schwierigkeit ihrer eindeutigen Zuordnung ist für Hieronymus Bock der Beweis für die Unendlichkeit der Schöpfung.6

Aus bewunderungswürdigem wie wagemutigem Drang zur Empirie entschloss sich der Schweizer Arzt, Naturforscher und Altphilologe Conrad Gesner (1516-1565), die Wirkungsweise des weißen Germers am eigenen Körper zu testen. Nach Einstellen der drastischen Symptome überlebte Gesner, indem er sich selbst zum Erbrechen brachte und medizinisch behandelte.7

Die antike Vorstellung, Ähnliches mit Ähnlichem zu kurieren, greift Paracelsus (1493-1541) auf und treibt die volkssprachliche Analogie von Heilpflanzennamen und Wirkungsweise oder -gebiet rigoros voran. Die Findung des „rechten“ Namens geht somit weit über ein naturwissenschaftliches Identifizierungsmerkmal hinaus. Vielmehr erschließen die deutschen Bezeichnungen im Rahmen der universalen Signaturenlehre die zunächst verborgene Zusammengehörigkeit von äußerlicher Gestalt und offizineller Verwendungsmöglichkeit. So befriedigt Paracelsus die deutsche Nomenklatur für den Helleborus nicht. Die Bezeichnungen „weiße“ oder „schwarze“ Nieswurz beschrieben ja nur die Farbe des Rhizoms, verrieten aber nichts über deren Heilwirkung. Er schlägt vor, die weiße Nieswurz als die junge zu deklarieren und nur für Patienten unter 50 Jahren einzusetzen, die schwarze könne als die „alte“ Nieswurz für Patienten über 50 Jahre verwendet werden. Der bis dahin in den botanischen Lehrwerken geführte Diskurs wird dadurch auf die paracelsische Onomastik reduziert.8

Ellaborus albus

Die sprachliche Experimentierfreudigkeit des Johann Fischarts (1546-1591) entfernt sich in seiner Affentheurlich Naupengeheurliche Geschichtklitterung von dem teleologisch geprägten Weltbild der Signaturisten. Der allumfassende Sinnzusammenhang wird zu Gunsten amüsanter und willkürlicher philologischer Spielereien bisweilen weitestgehend aufgegeben, um durch waghalsige Herleitung wieder eine pharmazeutische Brücke schlagen zu können. Auch die Christrose wurde von Fischart in unnachahmlicher Kreativität etymologisch untersucht: Die „Christwurtz“ werde wegen ihrer Blütezeit zur Weihnacht nur von Narren so genannt. Über Lautspielereien formt er aus der Christwurz die „Christierwurz“ und schließlich die „Clistierwurtz“9, die onomastisch ihre purgierende Eigenschaft verrät. Ferner könne sie nach antikem Gebrauch der Gehirnreinigung auch als „Hirnhöhlenborn“ bezeichnet werden.10

Im Wesentlichen überdauern die von Brunfels, Fuchs und Bock attestierten Anwendungsmöglichkeiten der Christrose in der Volksmedizin bis in die spätere Neuzeit. Ihrer Giftigkeit sucht man mit der angemessenen Konzentration beizukommen. Die im Volksmund vielzitierte Dosierungsanleitung des Helleborus niger „Zwei Tröpflein machen rot, zehn Tropfen machen tot.“ greift sogar Ludwig Ganghofer 1892 in seinem Roman Der Klosterjäger auf.11

In der heutigen Medizin wird die Schneerose nicht mehr durch die ihr eigene Kombination der Gifte Hellebrin mit Protoanemonin und Saponinen genutzt. Lediglich das isolierte Hellebrin wird eingesetzt. In der Homöopathie findet der Helleborus niger u. a. bei Nierenleiden, Wassereinlagerungen, psychischen Leiden so wie bei Menstruationsstörungen, Meningitis und Herzschwäche Anwendung.12


1 Vgl. die Beschreibungen bei Brunfels, Bock und Fuchs.

2 Ebd. S. 84 und Tobias Bulang: Epistemische Kontingenzen und ihre literarische Aktivierung. In: Cornelia Herberichs (Hrsg.): Kein Zufall. Konzeptionen von Kontingenz in der mittelalterlichen Literatur. Göttingen 2010. S. 365 f.

3 Zit. nach Bulang: S. 367, Anm. 9.

4 Zit. nach Bulang: S. 370. (Otto Brunfels: Contrafayt Kreüterbuch. Straßburg 1532-1537. Nachdruck 1964. S. 62.)

5 Hieronymus Bock: Kreütterbuch. Straßburg 1580. „Christwurtz“. f. 145r ff. Cap. CXXXV; hier: f. 147r und vgl. Bulang: S. 374 ff.

6 Bock: Widmung, „Vorred“.

7 Bulang: S. 377 f.

8 Vgl. Bulang: S. 379 f.

9 Diese Wirkung ist auch bei Bock belegt. Vgl. f. 145r.

10 Bulang S. 382 ff.

11 Ludwig Ganghofer: Der Klosterjäger. Roman aus dem 14. Jahrhundert. Berlin 1917. S. 19.

12 Dietrich Frohne: Giftpflanzen. 5. Aufl. Stuttgart 2004. S. 316 f. und Homöopathisches Repetitorium. Hrsg.: Deutsche Homöopathie-Union. Karlsruhe 1983. S. 158 f.



Universitätsbibliothek Regensburg, 2011