Das "Schelmenstechen"

Eine besonders kuriose Verwendung von der Helleborus-Wurzel findet sich in der volkstümlichen Veterinärmedizin zur Heilung von Milzbrand und Rotlauf bei Schweinen und anderem Weidevieh.1 Antike Autoren wie Plinius2 und Columella3 werden noch Anfang des 20. Jahrhunderts für diese Methode als Gewährsmänner zitiert. In seiner Dissertation beschreibt Ludwig Krieger 1921 ausführlich die korrekte Anwendung des sog. „Schelmenstechens“ oder „Schelmerstechens“, hier in der Zusammenfassung von Marzells Bayerischer Volksbotanik zitiert:4

„Nieswurz (Helleborus niger, H. viridis). Mit der „Schelmerwurzel“ wird dem Schwein der „Schelmer gestochen“. Man nimmt die Wurzel, fährt damit an einem Ohr des kranken Tieres in der Mitte desselben ringsherum, macht das Kreuzzeichen hin und spricht: „Im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit“. Dies tut man dreimal. Hierauf nimmt man eine Schuhsohle, sticht dann in der Mitte des mit der Wurzel gezeichneten Ringes ein Loch und steckt die Wurzel hindurch. Das Ohr schwillt bald darauf an und der Randteil, den man mit der Wurzel gezeichnet hat, fällt mit der Zeit ab, so daß im Ohr ein Loch entsteht (Frontenhausen, Bez.-A. Vilsbiburg). Die Krankheit ist der „Viehschelm“ (Milzbrand, Rauschbrand).“

Schwein Wildschwein

Vier Jahre später wird die durch den Tod des Autors nicht verlegte Doktorarbeit von dem Geheimen Regierungsrat Prof. Dr. Joseph Mayr der tierärztlichen Fakultät an der Universität München in der Münchener „Tierärztlichen Wochenschrift“ kritisch besprochen. Hatte Krieger zwar durch Eigenversuche die „auffallende[n] Heilerfolge“ des Schelmenstechens und auch die Lebendigkeit dieser volkstümlichen Heilmethode „in allen Regierungsbezirken Bayerns“ nachgewiesen, so resümiert Mayr jedoch, dass aufgrund der Giftigkeit der Helleboruswurzel die Nachteile bei weitem die Vorteile überwiegen. Er wolle vielmehr mit seiner Rezension dafür sorgen, dass „das Wesen des Brauches mit allen seinen vielen Nachteilen und wenig Vorzügen genügend bekannt wird.“

Die purgierende Wirkung der Nieswurz, die ebenfalls zum Ausräuchern von Ställen und zur Reinigung von Häusern genutzt wurde, wurde zur äußerlichen Behandlung gegen Krätze, sonstigen Hauterkrankungen und Ungeziefer eingesetzt.5 Gleichen Zweck erfüllte ein Destillat der Wurzel oder ein Extrakt der Blätter zum Einreiben. Deshalb wurde auch die Christrose als „Krätznbleamerl“, „Saubleamerl“ oder „Schelmrosn“ umgangssprachlich bezeichnet. Bereits im Mittelalter wurde bei der Behandlung von Pestbeulen die Christrosenwurzel als Ableitungsmittel durch provozierte Eiterung vergleichbar dem Schelmenstechen offizinell eingesetzt.6

Aus diesem alten Brauch mag auch der Aberglaube entstanden sein, dass eine Christrosenblüte, die am Heiligen Abend den Schweinen ins Ohr gesteckt werde, vor Schweinepest bewahre.

Paracelsus empfiehlt zudem während der Behandlung von Schafen einen Zauberspruch zu singen. Die „Hühnerwurz“ bewirke ferner, dass Hühner keine Eier mehr legen, wenn diese in ihre Nähe gebracht werde.7

Die Bezeichnung „Schelmer“ weist darauf hin, dass die Milzbranderkrankungen im Volksmund dem Bereich des Dämonischen zugerechnet wurden. Der Aberglauben ging soweit, dass Verlobte durch das Tragen von Nieswurz vor schädlichen Einflüssen bewahrt werden sollten.8 Das Rhizom der Christrose sollte auch durch bloßes Aufhängen apotropäisch wirken.9 Im Mittelalter galt die Christrose als Sitz einer Mar (Totengeist) oder einer Elbe.10 Die zerstoßenen Wurzeln waren eine wesentliche Zutat bei Hexensalben und –pulvern, die, auf den Boden gestreut, unsichtbar machen konnte.11


1 Henning Wiesner: Studie zur Anwendung der Umbelliferen in der Roßarznei des 16. Jahrhunderts. Diss. München 1971. S. 115.

2 Plin. hist. nat. XXVI, 21.

3 Plinius und Columella sprechen in diesem Zusammenhang von der Wurzel consiligo, wahrscheinlich eine andere Bezeichnung für Helleborus foetidus oder viridis. Col. VI,5. Ebenso Prof. Dierbach: Verdienste des Ruellius um die Entdeckung vaterländischer Pflanzen. In: Flora 1826 (9). S. 123 ff. Vgl. auch zur weiten Verbreitung des Schelmerstechens in Europa: Clive A. Spinage: Cattle Plague: A history. New York 2003. S. 97 ff.

4 Marzell, Heinrich: Bayerische Volksbotanik. Volkstümliche Anschauungen über Pflanzen im rechtsrheinischen Bayern. München 1968. S. 189 f.; Joseph Mayr: Auszug aus der Dissertation von Ludwig Krieger (vor Publikation verstorben): Über das sog. Schelmenstechen. Diss. München 1921. In: Tierärztlichen Wochenschrift 38 (1925). S. 840-842; Ludwig Kroeber: Alpenpflanzen in der Volksheilkunde. In: Jahrbuch Verein zum Schutz der Bergwelt 2, 44 (1980), S. 54 und Paula Kohlhaupt: Alpenblumen – farbige Wunder. Bd. 1. Stuttgart 1963. S. 27 f.

5 Kohlhaupt: S. 31. Die symbolische Reinigung mit Helleborus ist für die Antike belegt. Max Höfler: Volksmedizinische Botanik der Germanen. (= Quellen und Forschungen zur deutschen Volkskunde. Band 5.) Wien 1908. S. 82.

6 Kroeber: S. 54.

7 Höfler: S. 86.

8 Vgl. auch Richard Pieper: Volksbotanik. Unsere Pflanzen im Volksgebrauche, in Geschichte und Sage, nebst einer Erklärung ihrer Namen. Gumbinnen 1897. S. 22.

9 Höfler: S. 86.

10 Höfler: S. 85 f.

11 Vgl. Roland Girtler: Streifzüge eines vagabundierenden Kulturwissenschafters. Wien 2007. S. 18.



Universitätsbibliothek Regensburg, 2011